Gemeindeleben

Selten ist die Kirche so schön geschmückt wie am Erntedanktag. Deswegen auch unser Erntedankaltar als Titelbild dieser Ausgabe. Über die Jahrhunderte wird dieses Fest bis heute gefeiert. Obwohl es immer mehr Leute in die Städte zieht und die landwirtschaftlichen Abläufe längst nicht mehr jedem so geläufig sind wie früher, so wird dieser Tag immer noch gerne gefeiert und ist auch in den Schulen im Religionsunterricht und in den Kindergärten nach wie vor präsent. Früher, als eine ertragreiche und gute Ernte für die Menschen überlebenswichtig war, kam diesem Fest für die Menschen damals sicherlich noch eine ganz andere Bedeutung zu als in der heutigen Zeit, in der durch Supermärkte Lebensmittel stets in Fülle zur Verfügung stehen. Dieses Bewusstsein, dass es am Ende nicht allein in der Hand des Menschen liegt, ob man über genügend Nahrung verfügt, ist dadurch nicht mehr so präsent wie einst. Ist es also nur noch eine Tradition, die sich aufrechterhalten hat, obwohl sie nicht mehr den Bedingungen der heutigen Zeit entspricht? Ich denke es geht um mehr. Es ist ein Fest, an dem wir Gott Danke sagen dafür, dass wir nicht hungern müssen, dass wir satt werden können von den Nahrungsmitteln, die häufig andere für uns anpflanzen oder herstellen. Und so lange wir satt werden, da können wir schnell und einfach Danke sagen. Wie groß muss echte Dankbarkeit bei den Menschen sein, für die es nicht selbstverständlich ist, regelmäßig einen gut gefüllten Magen zu haben? Ich bin dankbar dafür, dass ich in einem Land lebe, in dem keine Hungersnot herrscht. W.hrend eine Milliarde Menschen an Hunger leiden, leben wir hier im Überfluss und werfen viele Lebensmittel einfach weg. Die Hälfte von dem, was in Deutschland im Jahr von privaten Haushalten an Lebensmitteln in den Müll geschmissen wird, kann noch gegessen werden. Lasst uns in diesen Tagen daran erinnern, wenn wir im Vaterunser sprechen „unser tägliches Brot gibt uns heute“. Gleichzeitig ist Erntedank auch immer ein Abschluss. Der Sommer ist vorbei, und Herbst und Winter stehen vor der Tür. Ein neues Schuljahr ist angegangen, das Kirchenjahr geht auf das Ende zu. Das Grün der Bäume wandelt sich in die güldenen Herbstfarben. Während ich hier mitten im Juli sitze und schreibe, ist dies für mich aber gedanklich noch sehr fern. Stattdessen denke ich zwischen diesen Wechseln an: „Was habe ich dieses Schuljahr so kurz vor der Sommerpause erreicht? Welche Ernten konnte ich einfahren?“ Dabei geht es weniger um Zahlen und Fakten als vielmehr um die Frage nach der eigenen Zufriedenheit und Lebenssituation. Am Ende steht damals wie heute die Dankbarkeit gegenüber Gott im Mittelpunkt dieses Festes. Danken wir Gott für all das, was wir in unserem Leben ernten dürfen. Lasst uns stets nach unserem besten Wissen und Gewissen dafür sorgen, dass wir diese Ernte mit unseren Mitmenschen teilen und es auch noch anderen Generationen möglich machen, sich an dieser schönen Schöpfung zu erfreuen.

Ihre Franziska Raetsch